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(c) Salomon Running

Dass es am Gardasee unendlich viele Möglichkeiten zum Laufen, Wandern, Klettern oder Biken gibt es ja durchaus bei uns Deutschen bekannt und in der Fußgängerzone in Riva del Garda wird ja mittlerweile mehr Deutsch als Italienisch gesprochen. Doch wer hat schon die Gipfel links der Autobahnausfahrt Rovereto Nord bestiegen und hat in den kleinen Bergdörfern schon mal einen Café getrunken?

3x Skyrunning EM

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In den “kleinen Dolomiten”

Während die ersten beiden Rennen der Europameisterschaft im Skyrunning in Canazei im Schatten des Marmolada-Massives stattfanden, zog der Tross der Athleten weiter Richtung Süden um dort eine Woche später beim „Trans d’Havet“ (80km, 5.500Hm+) den EM-Titel für die Ultradistanz zu vergeben. Während beim Vertical Km exakt 1000Hm auf einer 2,5km Strecke „hochgeklettert“ werden (das ist so steil, dass selbst Kilian nicht mehr Laufen kann und Stöcke verwendet), glänzt das „Dolomites Skyrace“ auf 22km mit einem langen Anstieg auf den Piz Boe (3150m) und einem haarsträubenden Downhill über Schotterfelder und heuer mit viel „Snow-Surfiung“. Ungeachtet der doch sehr großen Unterschiede haben erstaunlich viele Läufer alle drei Disziplinen bestritten.

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(c) Salomon Running

Typisch Italienisch

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Auf dem Weg zum Wilden Freiger (3418m)

So, genug der Hintergrundinformationen. Nach einem „Zwischenstopp“ am Wilden Freiger (Danke Roberto für den Tipp, auch wenn die 2000Hm sich mehr gezogen haben als gedacht) war ich etwas verwundert, dass das Navi für die letzten 30km von Rovereto bis nach Ricoaro Terme (der Ort liegt zwischen Start und Ziel) mehr als 1h berechnete. Allerdings wurde mir nach den ersten 42 „tornanti“ (=Kehren) klar warum: Dieses Rennradler-Paradies ist einfach nur für Fiat Puntos oder Piaggio Apes gemacht. Zwar ist der typisch italienische Ort mit seinem Heilwasser und Kurangebot eher für betuchte und betagte Herrschaften geeignet, aber die vielen Passstraßen und die „kleinen Dolomiten“ ziehen zum Glück ebenso viele Sportbegeisterte an – das Ricoaro Mineralwasser ist ein ebenso erfolgreicher Exportschlager wie das St. Pellegrino, das JEDER schon mindestens einmal in seiner Pizzaria zu Hause getrunken hat.

 

Less clouds – more sky!

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Nur 6 Tage Zeit um 20 Eis zu essen!
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Zur Rennvorbereitung haben wir uns neben viel Pizza, Pasta und Gelati (Ja, ich habe meinen Eispass voll bekommen und sogar auf der nächsten Karte 10 Stempeln geschafft 😉 den Mittelteil der Strecke angeschaut – am höchsten Punkt mit ca. 2240m fühlt man sich wahrlich wie in Herzen der Dolomiten – steile Felstürme, viel Geröll und recht wenig Vegetation. Da hier im ersten Weltkrieg die Frontlinie verlief, findet man sehr viele Tunnel, alte Kampfstellungen und Fahrwege, u.a. erbaut von General Havet, quasi dem Namensgeber des Rennens. Aufgrund dieser eigentlich traurigen Tatsache führen fast 10% der 80km Rennstrecke durch alte, mitten ins Gebirge gegrabene Stollen und bilden eine einzigartige Kulisse.

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Streckenbesichtigung mit Ian Corless

Außerdem durften wir bei einem Materialtest von Salomon und Suunto mit ca. 30 begeisterten Italienern eine Abendrunde ziehen und ich war Gast bei einem Meeting und Interview mit Ian Corless von TalkUltra, dem Journalist der Skyrunning Federation.

 

Total Verwirrt!

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Aha Kilian, so wirst du also immer deine Gegner los!

Nicht nur für mich stellte die Startzeit um 1:00 Uhr am Samstag in der Früh ein großes Problem dar: Soll man überhaupt Schlafen oder ist es besser durchzumachen? Was isst man zum FRÜHstück oder doch lieber eine Pizza am Vorabend? Die Aufregung und Erwartung verwirrt den Körper sowieso schon genug, aber dann ein Start zu einer Zeit wo ich normalerweise seit 1-2h schlafe?!?! Als wir unser Hotel gegen Mitternacht verließen, war lustigerweise in den Bars und auf dem Stadtplatz mehr los als am Tag, aber nichtsdestotrotz fielen Emelie, Kilian und mir auf der kurzen Fahrt zur Startlinie die Äuglein sehr oft wieder zu.

 

Partenza gara 1:00

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Vor Aufregung hellwach um 1:00 Uhr in der Früh (c) TDH

Nach einem pünktlichen Start (kaum zu glauben in Italien!) bei 25°C und stehender Hitze sortierte sich das Feld im ersten langen Anstieg recht bald und am ersten Gipfel leuchteten die Lichter der umliegenden Dörfer im Mondschein – aber das hätten wir bei 3h später auch haben können 😉

 

 

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Zum Glück habe ich mir den wunderschönen Mittelteil der Strecke schon vorher angeschaut!

Die Aufstiege waren sehr einfach zu laufen, aber die Downhills über feuchte Wurzeln, lose Felsen, Slalom durch Bäume und Sträucher und vielen Sprüngen waren im kleinen Lichtkegel der Stirnlampen ein Hindernislauf sondergleichen. Zwar hatte ich mal wieder ein ungutes Gefühl im Bauch (vielleicht sollte ich einfach weniger oder nur Brot essen?), aber die Beine fühlten sich gigantisch an – perfekt getimet für die EM war heute mein Tag und ich wollte „ois“ geben. Zwar waren die Lichter von Luis Alberto und Kilian schon in der Dunkelheit verschwunden, aber der Ungar Cabsa und ich folgten problemlos bis…

 

DNF – Das ist Nicht Fair?

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Eine völlig neue Rennperspektive als Betreuer bei CP 5 (48km)

…ich leider in einem unachtsamen Moment ausrutschte und längs auf den Trail knallte, um 3:30 Uhr muss man sich ja normalerweise auch nicht sehr konzentrieren. Zwar war unser inniger Kontakt nur von kurzer Dauer aber ich war eindeutig der Verlierer. Erst als mir das Blut am Bein entlang in den Socken rann und ich nur mehr humpeln konnte, wurde mir schnell klar, dass es nun vorbei war. Die 4km bis zu Verpflegungsstation bei 28km waren eine Tortour – nicht nur wegen der Schmerzen sondern auch wegen der Tatsache, dass das mein erstes Rennen mit „DNF“ sein wird obwohl das Podium in Reichweite gewesen wäre. Danke Andrea für die aufmunternden Worte gegen meine riesige Frustration! Die Betreuung der Läufer an den verschiedenen Checkpoints war für mich eine völlig neue Erfahrung, da ich das ja normalerweise aus der anderen Perspektive sehe. Gratulation Luis, Kilian und Emelie für den großartigen Lauf!

 

Mehr Dankbarkeit, weniger Selbstverständlichkeit!

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Vielleicht sollte ich Off-Road Reifen montieren…

Zwar wurde die Wunde von der Ambulanz vor Ort trotz Verständigungsprobleme (pocco Inglese, no Italiano) recht gut versorgt, aber als es Abends zu pochen begann und jede Berührung weh tat, führte kein Weg mehr am „Ospedale“ vorbei: 2h Warten, Röntgen, 1h Warten, Nähen! Jetzt, einen Tag später, warte ich schon wieder mit 10 Patienten bis der Orthopäde seine Cafe- und Rauchpausen  beendet und sein Eis verspeist hat.

Natürlich bin ich sehr enttäuscht und die jetzige Situation GEFÄLLT mir NICHT, aber vielleicht macht es mir wieder neu bewusst, dass es eigentlich nicht selbstverständlich ist jeden Tag gesund aufzuwachen und sich draußen bewegen zu dürfen!

 

Mehr Fotos vom Rennen hier.

Alle Ergebnisse auf der offiziellen Homepage.

 

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(c) Salomon Running