Aus 4 mach 5 – eine Prämiere nach 22 Jahren Sella Ronda. Wenn der Hochwinter schon längst vorbei ist und es im Tale grünt, bricht das Sella Ronda Fieber aus. Immer wieder. Alle Jahre von neuem.

 

Startplätze gibt es zwar schon seit langem nicht mehr, nur eine restlos überfüllte Warteliste. Scharen von Sellarondisti aus dem gesamten Alpenraum pilgerten heuer nach Arabba, einem der 4 jährlich wechselnden Start-/Zielorte im Herzen der Dolomiten. Aber der Schneemangel südlich der Alpen zeigt sich auch auf Skipisten. Und so wurde das erste Mal nach 22 Jahren eine Streckenänderung mit einem 5. Anstieg eingebaut. Und eine etwa 1km lange Laufpassage. Aber alles der Reihe nach:

Registrierung zusammen mit dem Teampartner (ärztliches Attest nicht vergessen!) und Startnummer holen, schnell im Hotel einchecken, sich fesch machen und die gesamte Rennkluft anlegen, mit einer letzten Henkersmahlzeit die von der langen Anreise entschwundenen Lebensgeister wieder zum Leben erwecken und, argh, Mist, habe ich etwa die Rettungsdecke vergessen? Naja, zum Glück hat ist der Verbandskasten ein medizinisches Notfalldepot, auch für andere Zwangslagen…

Welche Felle nimmst du? War jetzt der erste Anstieg der mit der Pampe am Schluss oder war das letztes Jahr? Zugleine mitnehmen oder schaffen wir das auch so? Wie viel nimmst du zum Trinken mit? Wo waren noch mal die Verpflegungen?
Fragen über Fragen, doch die Zeit ist kurz, jetzt sind es nur noch 30min bis zum Start! Also schnell Teampartner beim Aufwärmen suchen, gemeinsam einchecken, sich auf einem möglichst guten Platz in die schon fast geschlossene Gesellschaft eingliedern. Ein paar kurze Sprints gehen sich vielleicht noch aus? Puh, zum Glück haben die Lampenbatterien 100%, die wurden zwar erst gestern voll geladen, aber sicher ist sicher…

Kurz vor 18Uhr: 10-9-8- Frühstart! Egal, da war wohl einfach einer zu nervös und konnte die Skier nicht mehr ruhig halten. Laufen, mitlaufen, dranbleiben, Stöcke hoch, nur aufpassen, dass die keiner abtritt! Und zack, da ist es auch schon passiert, der erste Stockeinsatz nach 50m und schon ist die Spitze weg. Mit einer Lanze 2.900m+ und die vielen Skatingpassagen schaffen? Ernüchternd! Doch zum Glück steht nach ein paar hundert Höhenmetern ein Bekannter und überlässt liebend gerne seine Fortbewegungswerkzeuge.

Immer weiter, immer schneller, das Feld zieht sich sogleich auseinander, wie ein langer Wurm der den Berg hochkriecht geht es dem Pass entgehen. Dem ersten Pass von 4. Es ist noch ein weiter Weg, verdammt weit. Doch erst einmal die Stirnlampe einschalten, die Sonne ist schon längst untergegangen, es wird dunkel.
Ein schneller Wechsel: Felle runter, Schuhe verriegeln, Felle in den Rennanzug stopfen, schnell einen Schluck trinken und los! Schuss, Fullgaz, alles was geht, zumindest bis zur ersten Kuppe. Ok, lieber doch nichts riskieren, es geht ja doch nur um die „goldenen Ananas“. Wenn es jetzt auf der schon langsam wieder vereisenden Piste bei Tempo um 100km/h zum Sturz kommt, dann kann alles passieren. Das ist Quatsch, also lieber einen Gang runterschalten und trotzdem möglichst zügig fahren. Immer dem Licht des Vordermannes hinterher, dann sieht man gleich wo es schwieriger ist und man mehr Achtgeben muss.

Da ist auch schon wieder die Wechselzone. Der ganze Zuschauerpulk schreit, feuert aus allen Kehlen an. Das ist spürbare Begeisterung, Atmosphäre, Italien! Gänsehautfeeling pur, genau deshalb sind wir hier, die modernen Gladiatoren in bunten, hautengen Rennanzügen mit Suchscheinwerfern auf dem behelmten Köpfen.


Es wird wieder mühsam. Zäh, steil und weit. Man muss in Etappen denken, sich die Strecke aufteilen, sie gedanklich in leichter schaffbare Stücke zerlegen, dann klappt es. Kleine Erfolgserlebnisse für das große Ganze. Anstieg 2 und 3 vergehen wie der vorherige. Felle ab, Schussabfahrt, Skatingpassage, kurze Tragepassage über die Straße, Felle an und wieder los! Vor dem letzten Pass nun die Passage mit der Streckenänderung. 550m+, dann kurzer Downhill und auf der Todesrampe die letzten 180 Höhenmeter gnadenlos eingehen. Aber dort geht es allen gleich. Ohne Ausnahme, der Kampf um die letzten Meter, das Ziel muss man sich wahrlich erst verdienen, noch ein fünftes und letztes Mal.

 

Dann die finale Abfahrt. Doch halt, ist da nicht das Licht von dem Team hinter uns? Haben die doch schneller gewechselt als wir? Nein, das darf doch jetzt nicht wahr sein, nicht jetzt, so kurz vor Schluss! Skier gerade talwärts, noch einmal volle Konzentration, es kann sich ausgehen, wir schaffen das, die holen uns nicht mehr! Die Lichter von Arabba nähern sich, man hört die Musik, gleich, nur noch wenige Minuten… und zack, noch ein allerallerletztes Mal Skier abschnallen und 100m zur Ziellinie sprinten – YEAH, geschafft!!! Teams liegen sich in den Armen, frohe Gesichter. Stolz und Erschöpfung zugleich. Kaum zu glauben, vor weniger als 3h war hier Start. 36km, einmal um den gesamten Sellastock. Einfach episch. Ob man da wieder mitmacht? Die Antwort kann da nur lauten: JA!
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