_MG_6959Mein Leben ist geprägt von Dunkelheit und Isolation. Nur ein schmaler Lichtspalt zeigt mir, dass es außerhalb meiner kleinen Welt auch noch etwas anderes gibt. Ungewaschen und voll mit Schmutz: Vulkanstaub aus La Palma vom Transvulcania, ein kleines Granit-Steinchen vom Mt. Blanc, ein winziger Dorn aus den Drakensbergen in Südafrika, Matsch von den Trails rund um Annecy, aufgerautes Sohlenprofil von den Berchtesgadener Kalkbergen, aber zum Glück ist Schnee und Eis vom letzten Winter schon längst wieder abgetaut. Aber ich habe mich bereits daran gewöhnt. Es macht mir nichts mehr aus.

Aber nun muss ich euch schon erzählen, wie ich eigentlich in diese unglaubliche Situation gekommen bin und welch extreme Erfahrungen mir die ersten Tage meines noch jungen Lebens gebracht haben:

IMG_8792Ein eigener Pappkarton mit viel Platz, guter Luftzirkulation, kleine Fensteröffnungen um die Welt außerhalb zu beobachten aber selbst nicht entdeckt zu werden,  eingebettet in weichem Samtpapier – eigentlich ein perfekter Platz zum Entspannen und die Strapazen der Herstellung zu vergessen. Aber eines Vormittags Anfang des Jahres passierten schreckliche Dinge, die jedoch zu den folgenden Erlebnissen nur Kindergartenerlebnisse werden sollten. Ich wurde zusammen mit anderen Leidensgefährten kopfüber in einen riesigen Karton gesteckt mit einem furchtbaren Klebeband luftdicht verschlossen, kräftig durchgeschüttelt, in drei verschiedene gelbe Lieferwagen verladen, umhergeworfen und schließlich in der klirrenden Kälte vor einer großen roten Haustüre abgestellt. Am Ende meiner Kräfte und aus meinem herrlichen Ruheort herausgerissen, musste ich mit ansehen, wie mein Karton zerrissen und in winzige Schnipsel zerkleinert, in die Mülltonne wanderte. Noch starr vor Schreck ging es nun mir selber an den Kragen: Nackt, ohne inneren Stützfuß und identitätsgebendem Namensschild war ich so hilflos wie noch nie zuvor in meinem kurzen Leben.

_MG_6997Es dauerte keine 20 Minuten bis mein neuer Besitzer mich aus meiner Letargie und Depression herausholte, mich anzog und das Haus verließ. Schon ein seltsames und ungewohntes Gefühl das erste Mal auf eigenen Beinen zu stehen. Zuerst wieder Angst vor den rasend schnellen Bewegungen (ihr müsst wissen, dass ich nämlich eine Flug-Phobie habe) und den plötzlichen Richtungswechseln. Durch die Regelmäßigkeit der Schritte, der Gleichmäßigkeit der Bewegung und der Leichtigfüßigkeit im Abrollen, habe ich mich aber sehr schnell an die neue Situation angepasst und ziemlich schnell Spaß daran gefunden. Nur wenn nicht der harte Aufprall auf dem Asphalt gewesen wäre…

_MG_6991Doch was war denn das? Habe ich geträumt, sind meine Sinne von den Strapazen der Anreise so getrübt oder wirklich ein andersartiger Untergrund? Behutsam bohren sich die Zähne meines Profils (und davon habe ich wirklich reichlich!) in den weichen Untergrund – perfekter Halt, kein Quäntchen Rutschen oder Unsicherheit. Unser erster gemeinsamer Lauf führt über rutschige Wurzelpfade, feuchte, moosige Felsen und eine leicht ansteigende Forststraße. Mein ganzes Know-How und meine in die Wiege gelegte Technologie ist gefragt: Stabilität, Passform, Atmungsaktivität, Grip,… Nicht nur der Puls meines neuen Besitzers schnellt nach oben, auch mein Herz macht einen Freudensprung – ich habe meine Bestimmung gefunden, genau dafür bin ich gemacht! Mit dieser neu gewonnen Erkenntnis fällt es mir kaum auf, dass die Bewegungen schneller und die Schritte größer werden – den höchsten Punkt unseres heutigen Abenteuers liegt hinter uns und es geht abwärts. Die Eingewöhnungsphase ist extrem kurz, scheinbar habe ich sofort das volle Vertrauen gewonnen , was ja auch bei meinen Eigenschaften kein Wunder ist. Egal ob weite Sprünge, Steilkurven, glatte Felsplatten oder vorsichtige Balance-Akte auf Baumstämmen, die begeisterten Ausrufe meines Tourguides dringen sogar zu mir nach unten. Selbst der einsetzende Nieselregen auf unserm Nachhauseweg perlt an meinem ClimaShield optimal ab.

philippreiter_TAR5_011Aber von wegen Aroma-Vollbad oder Ganzkörper-Relax-Massage! Nur kurz draußen abgeklopft, wandere ich in den hölzernen Schuhschrank. Schnell sind dort Kontakte geknüpft und Erfahrungen werden ausgetauscht. Es spricht hier niemand mehr von „Leidensgefährten“, sondern jeder freut sich schon auf seinen nächsten Ausflug ins Freie – „Erlebnisjunkies“, so der neue Begriff. Allerdings habe ich besonders nach längeren Ausflügen oft das Gefühl in einem Schweizer Käsewerk zu leben…

 

IMG_8373