IMG_2523Nicht ahnend, dass morgen eine völlig verrückte Aktion und ein sehr langer Tag anstehen werden, lese ich an meinen Geburtstag Glückwunschnachrichten und Grüße aus Nah und Fern und entdecke zu meiner Verwunderung eine Nachricht von Michi Wohlleben in der er nach ein paar Informationen zur Watzmann Ostwand fragt. 

Wohin, welches Schiff, wie lange, wie weit,… sind schnell erklärt, aber wieso das eigentlich? Naja, er und Alex Scherl von der Alpinschule Augsburg wollen morgen die Gipfel der beiden höchsten Gebirge in Deutschland über die fast schon berüchtigten Routen “Watzmann Ostwand” und “Jubiläumsgrat” zur Zugspitze besteigen, den “Zwischenweg” mit dem Fahrrad by-fair-means zurücklegen und ihre Spezln Julian, Jochen und Daniel begleiten sie Abschnittsweise. “Du kannst gerne mitkommen wenn du willst.”, hatte er dann noch gemeint…
Da sich mein Freund Martin einfach um ein gutes Stück besser in der Ostwand auskennt und wir beide das sowieso die Tage vorhatten, beschließen wir die anderen Burschen zumindest beim ersten Abschnitt ihres Projektes durch die Ostwand und über den Watzmann zu begleiten. Vorsichtshalber nehme ich allerdings mein Rad mit, um sie vielleicht auch noch aus der Ramsau hinauszubegleiten – wer weis, dachte ich mir da noch.

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Mit dem Schiff geht es über den Königsee nach St. Bartholomä, wo sogleich die imposante Watzmann-Ostwand auftaucht. Immerhin ist sie die höchste Wand der Ostalpen und selbst der “einfachste” Berchtesgadener Weg ist nicht markiert, nur schwer zu finden und mit viel Luft unter den Fußsohlen und Kletterstellen bis III+ obl. Kurz nach 9 Uhr starten wir am Torbogen des Schiffahrtsstegs und im Laufschritt geht es vorbei am Ostwandlager und der Eiskapelle gleich in die Vertikale. In der schwülen Vormittagshitze schrauben wir uns dennoch rasch hinauf und erreichen trotz “Oh-Mann-wieso-haben-wir-am-Biwak-nur-so-getrödelt”-Sprint die Südspitze (2.712m) in 3:01h.

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Naja, egal, Hauptsache der erste Teil wäre schon mal geschafft. Doch Moment, ist nicht die Mittelspitze einen einzigen Meter höher und damit der Zweithöchste Punkt Deutschlands?!?! Mist, Dr. Google meint das auch und so bleibt uns anstatt des direkten Abstiegs ins Wimmbachgries keine andere Wahl als die Watzmannüberschreitung hinüber zum “echten” Gipfel (2.713m) zu machen…

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Schnellen Schrittes geht es an vielen erstauten und hoch bepackten Wanderern vorbei (“Udo, die Laufen da mit so dünnen Schuhen!”), das Watzmannhaus wird links liegengelassen und zack sind wir schon unten bei der Wimmbachbrücke – ein bisschen über 5h. Optimal eigentlich, da Michi und Alex mit 8h für jeden der drei Abschnitte gerechnet haben, und wir jetzt einen ordentlichen Zeitpuffer haben. Also ab in die Eiskalte Ache zum Kneipen, Pasta-Party a’la Julien Bückers (Danke für den super Support und die mega Fotos!!!) und recht gemütlich die Radsachen anziehen. Nach nicht ganz 40min hieß es aber dann wieder: Goooo, der Tag wird noch lange genug 😉

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Eigentlich war für mich da schon klar, dass ich jetzt doch die ganze Tour mitmachen will, es hat einfach so einen Spaß gemacht mit den verhauten Typen und die Gespräche und Kommentare in der Wand waren teilweise wirkliche Knaller. Also die familiäre Notrufnummer MAMA anrufen damit sie mir ein paar mehr Ausrüstungsgegenstände, Overtims Pizza Bars fürs Abendessen, Wechselkleidung und allerhand Kleinkrams bringt. Mit nur zwei Riegel wäre ich dann doch nicht so weit gekommen – wahrscheinlich…Danke Mama, du bist die Beste 🙂
Auf den 204km mit knapp 2000Hm von der Ramsau bis nach Grainau etablierte sich folgender Ablauf:
Start – noch 40km bis Pause – Windschatten – Vollgas – Speedbars – Kuppen durchdrücken – Trinken – Riegel – nur noch 5km bis Julian – “Hey, da vorne steht der blaue Bus” – Räder abstellen – Hinsetzen – Essen (Mhmmm, ein ganzer Nusszopf musste leider bei mir sterben) – Trinken (lebendiges Wasser bei 32°C schmeckt sooo gut) – Flaschen auffüllen – neuen Verpflegungspunkt ausmachen – Go

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Als es zu dämmern begann, zogen wir brav Warnwesten an und schnürten uns so viele blinkende Lichter um wie nur möglich um eine ausgezeichnete Visibilität zu gewährleisten und die Gefahren im Straßenverkehr zu minimieren. Schön langsam machte sich die Erschöpfung und Müdigkeit durch die bereits zurückgelegten Kms und die Hitze des Tages bemerkbar. Auf der letzten Radetappe ca. 20km vor Garmisch passierte es dann: Aufgereiht wie eine Perlenkette immer einer im Windschatten des Nächsten, ratterte es plötzlich derart hinter mir,dass ich vor Schreck fast in den Graben gefahren wäre. Aber genau das war ja passiert – hihihi, beim gemütlichen Pedalieren und ohne Notwendigkeit den Kopf einzuschalten einfach eingeschlafen. Zum Glück ist aber nichts passiert…
Kurz nach Mitternacht fuhren wir (Alex, Michi, Jochen der uns die letzten 70km begleitet hatte, ich) im Hammersbach ein. Puh, erstmal rasten.

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Im Dunklen zeichnete sich schon das mächtige Massiv ab und er unendlich scheinende Grat spornte unsere ausgepowerten Beine nicht gerade zu übermächtiger Motivation an. Aber es half ja alles nichts, Teil 3 stand kurz bevor und so zogen wir uns um, sortierten unser Material neu und verhalfen unseren Zweiradtransportmitteln zu einer gemütlichen Ruhe in Stufenlagerung im blauen Begleitbus.
Mit Betonbeinen ging es los und da ich den Jägersteig, den letzten Downhill beim Zugspitz Ultratrail, schon von mittlerweile drei Teilnahmen her kannte war mir das Gefühl der Erschöpfung auf diesem kleinen Weglein sehr wohl bekannt…Der Marsch gestaltete sich zu einem Schweigemarsch, ich glaube eine Seniorenwandergruppe hätte uns locker überholt und die Höhenmeter wollten einfach nicht mehr werden. Leider musste Alex, der ja eigentlich zusammen mit Michi das Projekt inszeniert hatte, am Querweg zum Osterfelder aufgeben, mit Muskelkrämpfen und total übermüdet wäre der Jubiläumsgrat einfach zu gefährlich geworden…
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Für mich war die Zeit kurz vor der Dämmerung am härtesten. Auf der Alpspitzbahnstation als wir kurz auf Michi und Julian warteten, fielen mir sofort meine Äuglein zu und ich schlief im Sitzen ein. Ich bin zwar für diverse Ultraläufe schon wirklich früh aufgestanden und Starts um 2:30 “gewohnt”, aber einen ganzen Tag voller Aktivität und sportlicher Leistung, das war bis bis dato unbekannt. Umso erstaunlicher war es, dass mein PowerNap von maximal 3min solche Wunder gewirkt haben, dass es mir ab dann wieder ziemlich gut ging und ein Ankommen wieder in Denkreichweite lag. Eigentlich beträgt die Höhendifferenz zwischen Alpspitze und dem höchsten Punk Deutschlands nur etwa 200m, aber der Jubiläumsgrat zieht sich mit unzähligen Auf und Abs über 8,1 km Kletterei und fast noch einmal 1.500Hm bis zur Zugspitze, die gefühlt einfach gar nicht näherkommt.
Langsam aber stetig, mit vielen lustigen Gesprächen, etlichen Zwangspausen, in denen der ein oder andere die Augen schon einmal länger zumachte, Ärger über den erneuten Gegenanstieg ging es dem Ziel des “Tages” entgegen. Leider mussten wir feststellen, dass wir die 24h-Marke nicht knacken werden können, dazu war die verbliebene Power zu gering und erneutes “Bar-Refuelling” auch nur ein Tropfen in den tuckernden Motor.

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Nach fast genau 25h und mehr als 7.000Hm war es aber dann soweit und nach der letzten schwierigen Stelle (sich an den Japanern und ihren schweren Fotoapparaten vorbeizudrücken ohne vom Gipfel gestoßen zu werden) konnten Michi und ich die “Tagestour” am goldenen Zugspitzkreuz für beendet erklären. Danke Martin, Julian und Jochen für eure Geduld und das exzellente Erlebnis 🙂

Fotos by Julian Bückers und mir.

Hier gehts zum gesamten Move unserer OSTwandFLITZzugSPITZ-Tour.

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